Zeitmanagement im Schach

Viele Schachspieler leiden unter schlechtem Zeitgefühl – jedenfalls, was die Einteilung der eigenen Bedenkzeit während einer klassischen Turnierpartie angeht.

Ineffizientes Zeitmanagement kann prinzipiell zwei Formen annehmen, ich nenne sie Typ A und Typ B.

Typ A spielt rasch und überhastet viele Entscheidungen am Brett. Dadurch leidet die Qualität seiner Züge, sodass viele Partien auf im Prinzip unnötige Weise verloren werden. Dem Spieler bleibt am Ende seiner Verlustpartie noch sehr viel Zeit auf der Uhr:  Zeit, die hätte genutzt werden können, um den groben Fehler zu vermeiden, der zur Niederlage geführt hat. Besonders unerfahrene Spieler in den jüngeren Altersklassen neigen zu Typ A.

Nach wenigen Minuten Spielzeit ein Endspiel zu erreichen, in dem eine Seite eine Dame mehr hat ist suboptimal – zumindest für die 9 Eiskugeln im Rückstand stehende Partei.

Typ B spielt zu langsam, nimmt sich viel Zeit für offensichtliche Züge oder Entscheidungen, die so gut wie keinen Einfluss auf die Partie und deren Ausgang haben. Das bringt wenig und kostet viel, denn für die wirklich kritischen Entscheidungen kurz vor Zug 40 bleibt keine Zeit.

Natürlich haben beide Formen erhebliche Nachteile.

Ein Spieler mit idealem Zeitmanagement befindet sich in der Mitte dieses Spektrums; nennen wir ihn Typ X. Er zögert bei simplen und/oder unwichtigen Entscheidungen nicht, aber rechnet sorgfältig, wenn die Stellung komplizierter wird. Außerdem nutzt er die Bedenkzeit seines Gegners, um Pläne zu finden, generell über die Stellung nachzudenken, oder, in besonders scharfen Stellungen, Varianten zu berechnen.

Spieler mit Schwächen in der Bedenkzeit-Einteilung sollten versuchen, diese loszuwerden und sich Typ X zu nähern. Das kann schon im Training angegangen werden. Trainingspartien mit längerer (Typ A) oder kürzerer Bedenkzeit (Typ B) bieten sich dazu an. Aber auch in den Turnierpartien selbst kann daran gearbeitet werden.

Als jemand, der von Natur aus zu Typ B tendiert habe ich verschiedene Strategien erprobt, um schneller zu ziehen und nicht so oft in Zeitnot zu geraten. Genauso gibt es für Typ A Strategien mit dem Ziel, sich mehr Zeit zu nehmen und geduldiger zu werden.

Für Problemfälle beider Typen ist es sinnvoll, die eigene verbleibende Zeit nach jedem Zug aufzuschreiben. Das Ergebnis kann dann nach der Partie analysiert werden, um so, ggf. mithilfe eines Trainers, nachvollziehen zu können, wo zu schnell oder zu langsam gespielt wurde.

Der pragmatische Vorschlag für Spieler des Typs B wäre, sich ein Zeit-Limit aufzusetzen. Ich habe in meinen Partien mit einem oberen Limit von 10 Minuten pro Zug gearbeitet, das ich nur in besonders schwierigen oder anderweitig kritischen Stellungen überschreiten darf. Das hat mir sehr geholfen, da man einen sinnvollen Zug meistens auch deutlich schneller machen kann. Und wenn nicht, dann muss das geübt werden.

Ein Spieler des Typs A kann entsprechend mit einem unterem Limit experimentieren: zum Beispiel, indem er darauf achtet, pro Zug nicht weniger als 2 oder 3 Minuten zu verwenden. Damit sollten die gröbsten, aus dem Schwung heraus begangenen Fehler vermieden sein.

Allgemein empfehlenswert ist außerdem, die Zeit des Gegners zu nutzen. Besonders für Typ B ist es keine gute Idee, nach jedem Zug aufzustehen und durch den Turniersaal zu lustwandeln. Hin und wieder Bewegung und frische Luft ist schön und gut, aber bei chronisch knapper Zeit dann doch lieber am Brett bleiben.

Schlechtes Zeitmanagement kann die Ursache unzähliger verlorener Punkte sein, deswegen würde ich unbedingt dazu anraten, konstruktiv an einer Lösung zu arbeiten. Die hier vorgeschlagenen Methoden können Ansätze dafür sein.

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